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Ortstermine 2006 - Kunst im öffentlichen Raum - Logo

Ort: Die Tour startet in München vor dem Haus der Kunst und führt quer durch Europa, genaue Ortstermine siehe weiter unten
Zeitraum: 10. bis 14. September 2004, Abfahrt aus München 14. September, 19:00 Uhr
Anschluss/Startpunkt: Haltestellen Odeonsplatz oder Lehel, U-Bahn: U4, U5; Haltestelle Haus der Kunst, Bus: 53

Lenin on Tour
von Rudolf Herz

Lenin on Tour.
Prologo sul Lago Maggiore 2003

Lenin on Tour - Buesten auf Lastwagen 1

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Lenin on Tour - 2 - Buesten auf Lastwagen

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Lenin on Tour - 3 - Bueste auf Lastwagen

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Lenin on Tour - 4 - Buesten auf Lastwagen

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»Lenin on Tour« ist eine Performance, ein Buch und ein Film. Im Mittelpunkt des experimentellen Kunstprojektes steht die Reise eines politischen Denkmals aus dem 20. Jahrhundert in die Gegenwart. Die Tour startet in München und führt quer durch Europa. Auf der Ladefläche eines Sattelzugs sind die drei Granitbüsten des demontierten Dresdner Lenin-Denkmals vertäut. Der Lastwagen mit den Köpfen von Lenin und zwei anonymen Genossen ist tagsüber auf Autobahnen und Landstraßen unterwegs.

Abends macht er Station in einer Stadt und parkt vor einem Museum, einem Theater, einer Fabrik oder einer Disco. Politiker, Philosophen, Künstler und Wissenschaftler sind zu einem persönlichen Statement über das 21. Jahrhundert eingeladen. Das Publikum hat Gelegenheit, seine Meinung vor der Kamera des Filmteams, das die Tour begleitet, zu äußern. Herz operiert mit dem spielerischen Vertauschen von Skulptur und historischer Person.

Er inszeniert ein mobiles Bild, die scheinbar ziellose Reise der Reste einer politischen Repräsentationskunst, die nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus funktionslos geworden ist. Auf der Fahrt durch das moderne Alltagsleben, auf Autobahnen und durch Städte, trifft die jüngere Vergangenheit mit der visuell übermächtigen Gegenwart zusammen. Ästhetik und Bedeutung des ortlos gewordenen Denkmals verändern sich mit dem Wechsel der Standorte, des Kontextes und der Interpreten.

In Verbindung mit den Orten und Statements entsteht eine subjektive Kollage, die Reflexionen über das kollektive Erinnern und Vergessen, den Epochenbruch von 1989/91 und seine Folgen für Konzeption und Strategien einer kritischen Kunst öffnet.

Lenin on Tour. Stationen und lokale Veranstalter (vorläufig):

München  10.-14.09.04 10.09.04:
10:00 Uhr, Haus der Kunst,
14:00 Uhr, Fußgängerzone Richard-Strauss-Brunnen,
Nachts, Alabamahalle

11.09.04:
12:00 Uhr, Euro-Industriepark

13.09.04:
15:00 Uhr, BMW Fabrik-Tor Riesenfeldstraße
00:00 Uhr, Autokino Aschheim

14.09.04:
11:00 Uhr, Ernst-Toller-Platz
18:00 Uhr, Haus der Kunst

Zürich  15.09.04 Helmhaus, Präsidialdepartement der Stadt Zürich
Turin   18.09.04 Museo Diffuso della Resistenza, Goethe-Institut Turin
Rom 21.09.04 Comune di Roma, Goethe-Institut Rom
Wien  25.09.04 Kunsthalle Wien
Prag 26.09.04 Nationalgalerie / Sammlung zeitgenössischer Kunst
Bremen  01.10.04  Städtische Galerie Bremen
(siehe auch dieses Link hier)
Dresden  03.10.04 Kunsthaus Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Berlin  04.-06.10.04 Akademie der Künste, Volksbühne

Interview von Dirk Halfbrodt mit Rudolf Herz (August 2004) 

Dirk Halfbrodt: Wie entstand LENIN ON TOUR?

Rudolf Herz: Das war Zufall. Vor zwei Jahren transportierten wir die Büsten des demontierten Dresdner Lenin-Denkmals zu einer Ausstellung in Karlsruhe und verzurrten sie auf einem Tieflader. Ich sah das Potential, das in der Verbindung der Torsi mit dem Lastwagen liegt. Mehr und mehr begeisterte mich die Idee des mobilen Denkmals, das fortwährend seinen Ort wechselt, und ich stellte mir vor, wie das Gefährt unterwegs ist und wie meine Zeitgenossen reagieren. Ich arbeitete das Projekt aus und besuchte Grigorij Jastrebenetzkij in St. Petersburg, der das Denkmal 1974 geschaffen hat, da ich sein Einverständnis wollte.

LENIN ON TOUR ist die Fortschreibung des Entwurfs LENINS LAGER, mit dem du das zerlegte Denkmal in diesem Aggregatzustand in Dresden bewahren wolltest, um den Denkmalsturz auf Dauer sichtbar zu machen.

Mich interessieren die historischen Brüche, das Setzen und Zerstören von Denkmälern, die bildnerischen Energien und bilderstürmerischen Leidenschaften, die ungeschehen und vergessen machen wollen. Hier setzt die künstlerische Transformation an. In seiner jetzigen Form stoßen im Denkmal ganz konträre Versprechungen, Hoffnungen und Enttäuschungen aufeinander. Stand das Symbol der proletarischen Revolution ursprünglich für die Zukunftsvision einer befreiten Menschheit, aber auch für die Diktatur der kommunistischen Partei, so wurde sein Sturz das Zeichen der Niederlage des Sowjetkommunismus. Und zugleich Zeichen des Triumphes des globalisierten Kapitalismus, der mit universellem Glücksversprechen auftrat. Was es damit auf sich hat, erfahren wir täglich und haben doch das Gefühl der Unveränderlichkeit. So gesehen verdichten sich im zerstörten Denkmal Hoffnung und Enttäuschung in mehrfacher Weise. Das ist sein Geheimnis.

Du zielst jetzt noch stärker auf die Gegenwart, wenn du Deine Zeitgenossen direkt mit einbeziehst.

Es geht mir um das Zusammenspiel einer kommunikativen, gedanklichen und sinnlichen Ebene, zugleich möchte ich einen Bogen zwischen dem 20. und 21.Jahrhundert schlagen und arrangiere eine doppelte Ausstellung: Meinen Zeitgenossen zeige ich Lenin und Lenin meine Gegenwart. Es gibt also zwei Blickrichtungen.

Warum diese provozierende Naivität, wenn du Lenin verlebendigst und zu deinem Reisegefährten machst?

Die Vertauschung von Skulptur und Person ist ein künstlerisches Spiel, komisch und ernsthaft zugleich, getragen von der Absicht, neue Vorstellungsräume zu öffnen. Und dann ist dieser Lenin doch nur wieder bloßer Stein. Alles dreht sich um ihn, doch er bleibt stumm. Nein, es geht in erster Linie nicht um Lenin, es geht um uns und unsere kreativen und kritischen Potentiale.

Was bedeutet Lenin für dich?

Lenin steht schon lange im Hintergrund, unscharf, eine Chiffre, schillernd in verschiedenen Brechungen: Held und Feindbild, sozialistischer Theoretiker und Gründer der historisch gewordenen Alternative zur bürgerlichen Gesellschaft, der Sowjetunion. Das erste Mal hörte ich seinen Namen aus dem Mund meiner Großmutter. Sie hatte in München-Schwabing eine Wohnung neben dem Haus, in dem Lenin während seines Münchner Exils zeitweilig wohnte. Später, als Schüler war ich in einer marxistisch-leninistischen Jugendorganisation. Über das Dresdner Denkmal entstand ein neuer Zugang, aber seine Person blieb mir fremd.

Welches Ziel hat die Reise? Was erwartest du von der Tour?

Es gibt kein äußeres Ziel. Ich unternehme mit Lenin eine Forschungsreise in die postkommunistische Gegenwart,  suche nach Bildern, frage nach Erinnerungen, Kritik und heutigen Utopien. Ich gehe mitten in die Gesellschaft, in verschiedene Kulturen, an die Orte des Konsums und der Arbeit, in die Arenen der Massenkultur und die Ströme der Menschen und Waren, 15 Jahre nach dem Fall der Mauer. Wir reisen durch das moderne Alltagsleben, durch High-Tech-Zonen und verlassene Industrielandschaften, auf Autobahnen und Straßen, durch Städte und übers Land, in Ost und West, im Stau und im Verkehrsfluss. Hier trifft dieses stark aufgeladene Symbol der Zeitgeschichte auf die auch visuell übermächtige Gegenwart. Ästhetik und Bedeutung der Bilder ändern sich mit dem Wechsel der Schauplätze und der Interpreten, Prag ist nicht Zürich und Dresden nicht Rom. Ein Ganzes entsteht dann in der subjektiven Montage, im Buch und im Film.

Dein Projekt verspricht überraschende Bilder und gibt Anlass, nicht nur über die Erinnerungskultur und ihre Tabus nachzudenken.

Der Epochenbruch von 1989/91 ist noch gar nicht begriffen. Lenin heute – das ist anachronistisch, da gibt es keinen Zweifel, seine politische Praxis ist tot, in seinen Schriften findet sich doch mancher Schlüssel zum Verständnis unserer Gegenwart, wie der Philosoph Wolfgang Fritz Haug betont. Der slowenische Psychoanalytiker Slavoj Zizek sieht in Lenin den Angelpunkt einer Kritik der kapitalistischen Demokratien, um die verdrängten sozialen Antagonismen wieder ins Bewusstsein zu rücken. Am Schluss seines neuen Lenin-Buches schreibt er: »Lenin wiederholen bedeutet ... keine Rückkehr zu Lenin – Lenin wiederholen heißt akzeptieren, dass ›Lenin tot‹ ist, dass seine Lösung gescheitert ist, sogar fürchterlich gescheitert ist, aber dass darin ein utopischer Funke war, der es wert ist, bewahrt zu werden.« Und dann stellt Zizek die provokante Frage, ob die Fremdheit Lenins nicht ein Resultat unserer Perspektive ist und ein Zeichen dafür, »dass mit unserer Epoche etwas nicht stimmt.«

Gleichwohl ist dein Projekt so konzipiert, dass es für viele Lesarten und Meinungsäußerungen offen ist.

Ich mag Einspruch und Entschiedenheit, jedoch keine Kunst mit autoritärem Gestus, weil ich auf die Eigenbewegung des Publikums setze. Das Projekt agiert jenseits von Romantisierung und Abgesang, von Heldenverehrung und Verdammnis, ist keine Seminarveranstaltung, kein Agit-Prop, sondern ein autonomes künstlerisches Experiment und umfasst die Beteiligung von Vielen. Den versteinerten Revolutionär und seine namenlosen Genossen in Bewegung zu versetzen, das ist ein verrückter Gedanke, der real geworden ist. Wenn das möglich ist, was hindert uns, selbst tätig zu werden und den Einspruch gegen die versteinerten Denkweisen und Lebensverhältnisse wieder aufzunehmen und weiterzuführen?

Rudolf Herz (geb. 1954) lebt in München und befasst sich in seinen künstlerischen Konzeptionen u. a. mit der Zerstörung und Setzung von Denkmälern. Die Visualität politischer Systeme ist Ausgangspunkt seiner oftmals provokanten Projekte, mit denen er in Ausstellungen im In- und Ausland vertreten ist. 1997 war Herz Preisträger im Wettbewerb zum »Denkmal für die ermordeten Juden Europas« in Berlin (gemeinsam mit Reinhard Matz) und schlug vor, einen Kilometer Autobahn bei Kassel zu pflastern und zum Denkmal zu erklären.

Weitere Informationen finden Sie auch unter www.lenin-on-tour.com.