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Ortstermine 2006 - Kunst im öffentlichen Raum - Logo
Eröffnung:
23. September 2006
14.00 Uhr

St.-Quirin-Platz in den »Fliegende Bauten« von Köbberling & Kaltwasser
Veranstaltungen der Gefährlichen Kreuzungen

Der Begriff der Toleranz lässt sich von mehreren Seiten lesen: als humanistische Strategie zur Entschärfung von Konflikten, aber auch als problematischer Begriff des Ertragens von Differenzen, der bloßen Duldung und damit Etablierung neuer Hierarchien. Im Stadtraum München intervenieren zwölf künstlerische Projekte. Sie durchleuchten kritisch jene eingefahrenen Verhaltensweisen der Normalität, die unter anderem dazu führen, dass Toleranz zumeist ein unreflektierter Ausdruck des Festhaltens an Privilegien bleibt.

Kuratiert von Farida Heuck, Ralf Homann, Pia Lanzinger Veranstalter Kulturreferat der Landeshauptstadt München, Abteilung Kulturelle Veranstaltungen und Programme - Kunst im öffentlichen Raum

Eröffnung: 23. September 2006, 14 Uhr, St.-Quirin-Platz in den »Fliegende Bauten« von Köbberling & Kaltwasser (mit der U1 vom Sendlinger Tor in acht Minuten zum St.-Quirin-Platz; Parkplätze vorhanden) von dort ab 14.30 Uhr regelmäßiger Shuttlebus-Verkehr zu den einzelnen künstlerischen Interventionen.

ab 19.30 Uhr Sicherheitsfest von GSA/Konrad Becker, Sendlinger-Tor-Platz (19 Uhr letzter Shuttlebus direkt vom St.-Quirin-Platz zum Sendlinger-Tor-Platz)

Stefano Giuriati & Aldo Giannotti (München/Bologna) Stazione Mobile dei Carabinieri

Giuriati und Giannotti simulieren in beiden Arealen in der Nähe der künstlerischen Interventionen der Gefährlichen Kreuzungen Einsätze einer mobilen Gruppe italienischer Carabinieri. Nach ihrem täglichen Dienst parken sie ihren Carabinieri Wagen vor der Polizeistation in der Beethovenstraße. Normalerweise ist innerhalb eines Staates die nationale Polizei für exekutive Aufgaben zuständig. Bei Großveranstaltungen wie z.B. der Fußball-WM kann dies jedoch außer Kraft gesetzt werden und Polizisten aus anderen Nationen erhalten die Legitimation polizeiliche Aufgaben in anderen europäischen Ländern auszuführen. Die zwei Carabinieri sind auch nach der WM noch in München präsent und spielen mit der Vorstellung, wie es wäre, wenn die Polizei aus anderen europäischen Staaten immer diese Legitimation hätte?

(mobil in Areal 1+2 bei den Standorten der künstlerischen Interventionen und vor historischen Gebäuden in der Innenstadt; Dokumentarische Ausstellung: »Bilaterale Beziehungen«, Völkerkundemuseum, München: 13.10. - 29.10.2006; abendlicher Standort Areal 2: Polizeistation Beethovenstraße)

Klub Zwei / Simone Bader & Jo Schmeiser (Wien) Für eine Stadt ohne Rassismus

Die Verfahrensweisen und Machtgefüge der Mehrheitsgesellschaft bieten den Kontext der Arbeit von Klub Zwei. Simone Bader und Jo Schmeiser untersuchen die Bedeutung der »Whiteness«, des Weiß-Seins. Die Themen Rassismus und Migration werden oft mit MigrantInnen in Verbindung gebracht, hingegen recht selten mit den Angehörigen der weißen Mehrheitsgesellschaft, die von rassistischen Verhältnissen profitieren. Zusammen mit Schülern und Schülerinnen der Elly Heuss Realschule in Giesing diskutierten die Künstlerinnen Formen der Diskriminierung und entwarfen gemeinsam eine Matrix, die vermeintliche Normalisierung in Form von Plakaten und Werbemedien sichtbar macht.

(Areal 1: Plakatwände im Giesinger Bahnhof Untergeschoss und Plakatwände entlang der Stadelheimerstraße, Transparente an den Brücken über dem McGraw-Graben; Außenwerbung auf Omnibus der MVG im Stadtverkehr)

Andrea Knobloch (Düsseldorf) Tolerant in München

Andrea Knobloch betrachtet Vandalismus als informelle und Zensur als offizielle Kommentierung künstlerischer Interventionen in den Stadtraum. Beide Äußerungsformate sind gleichermaßen Teilhaber eines durch künstlerisches Handeln ausgelösten Prozesses der Reflektion bestehender Verhältnisse und tragen zu deren Sichtbarwerdung bei. Knobloch recherchiert für ihre Arbeit »Tolerant in München« bestehende Kunst im Münchner Stadtraum unter dem Gesichtspunkt des Vandalismus. Diesen Ansatz überträgt sie auf die Kunstwerke der »Gefährlichen Kreuzungen« und erprobt ihn mit einer wandernden Skulptur. Im Sinne eines Kommentars nimmt ihre Arbeit Bezug zur ständigen Aushandlung von Toleranzen und Tolerierungszumutungen an die verschiedenen beteiligten Adressaten.

(Areal 1: Ausstellung und Info-Point, Café Schwansee, Schwanseestraße 64, Mo - So von 9 - 19 Uhr; Finissage und Resümee des Projekts am 18.11.2006, 19 Uhr)

raumlabor_berlin / Markus Bader, Jan Liesegang (Berlin)
mit Katharina Borsi (London)
White Spots

raumlabor_berlin befasst sich mit dem Stadtquartier Stadelheim, in dem sich Einfamilienhäuser, Zeilenbauten und kleine Geschäfte durchmischen; die Justizvollzugsanstalt München bildet eine Insel in dieser vorstädtischen Topografie. Das Gefängnis manifestiert die gesellschaftlich sanktionierte ausschließende Einschließung. raumlabor_berlin überformt diese vorstädtische Topografie temporär. Das Mittel dieses Eingriffs ist eine Flotte weißer Pkws, die nach einer geplanten Choreografie Parkplätze übernehmen. Die allmähliche Wahrnehmung der Veränderung des Straßenbildes führt zu einer spielerischen Auseinandersetzung mit Verunsicherung, Befremdung sowie Ein- und Ausgrenzung.

(Areal 1: Rund um den Hohenschwangauplatz, kontinuierliche Intervention vom 23.9. bis 1.10.2006; Bewegungskernzeiten: täglich um 11 und 17 Uhr)

Freie Klasse München Freie Klasse macht Schule

Die Künstlergruppe begreift Schulen als die Orte, die, nach Katastrophen zumindest als Provisorien, Normalisierung bedeuten. Die öffentliche Institution Schule dient ambivalent als Definitionsagentur der Kultur der Herrschenden wie als Instrument gesellschaftlicher Veränderung. Seit mit der Aufklärung die Unterrichtung im Lesen mit der im Schreiben zu einer Kulturtechnik zusammenfiel und den Anfang moderner Schule bildet, steht Schule auch für den Erwerb von Selbstreflexion und Selbstkompetenz. Damit verbindet die Freie Klasse München die Frage nach Normalisierungsprozessen mit der nach dazu widerständigen Selbsttechniken.

(Areal 1: Lincolnstraße, Freigelände etwa auf Höhe Hausnummer 60; Transparente an den Brücken über den McGraw-Graben)

Freie Klasse: www.freie-klasse-macht-schule.de

neuroTransmitter (New York City) Ground Control

Angel Nevarez und Valerie Tevere entwarfen für den Vorplatz der ehemaligen University of Maryland auf dem Gelände der aufgelassenen McCraw-Kaserne der U.S.-Streitkräfte einen Kiosk. Die Arbeit »Ground Control« verweist zum einen auf einen Wachunterstand wie er die Eingänge zu Kasernen markiert, erinnert aber auch an Marktstände oder Zeitungskioske. Zum anderen verwandelt sich der Kiosk in eine Radio-Station, von der aus UKWSendungen übertragen werden. Der Kiosk fügt sich in die Architektur der Umgebung ein, und seine Sendungen suchen den historischen Ort wieder auf: Studierende der »University of Maryland« betrieben kleine UKW-Sender, da ihnen das Programm des Militärsenders »American Forces Networks« (AFN) nicht zusprach.

(Areal 1: Vorplatz der ehemaligen University of Maryland, Soyerhofstraße Ecke Peter-Auzinger-Straße am Mangfallplatz; Performances mit Radioshows am 24., 28. und 29.9.2006)

Folke Köbberling & Martin Kaltwasser (Berlin) Fliegende Bauten

Ökonomisierung und neoliberale Privatisierung des öffentlichen Raums reflektiert das Künstlerduo Köbberling & Kaltwasser. Sie interessiert das Leben in der Stadt, der Wert von Regungen, Kommunikation, Auseinandersetzung und im Besonderen die Überraschungsmomente und die Qualität der freien Nutzung des urbanen öffentlichen Raums. Dies schließt selbstverständlich auch das Hinterlassen von Gegenständen mit ein. Aus diesen gefundenen oder geschenkten Materialien entwickeln sie eine temporäre und informelle aber voll funktionsfähige Häusersiedlung. Die Arbeit ist dem Unerwarteten mehr verpflichtet, als der verwaltungsförmigen Organisation und ökonomischen Zurichtung der Stadt und repräsentiert eine Selbsttechnik der Umsonst- und Schattenwirtschaft.

(Areal 1: St.-Quirin-Platz, U-Bahn Station Ausgang Giesing)

Alex Gerbaulet (Braunschweig)
In Zusammenarbeit mit Katrin Gebhardt-Seele und Karin Hofmann
HEIMSUCHEN

Alex Gerbault entwirft eine kinematografische Umgebung, in dem sie dazu eine andere künstlerische Arbeit benutzt. Die ausgewählten Videos und Filme machen sichtbar, was sonst in der öffentlichen Diskussion unsichtbar bleibt, und die den Anspruch erheben, authentische Geschichten von marginalisierten, ausgegrenzten und präkarisierten Gruppen (nach) zu erzählen, um sich schließlich Selbsttechniken zuzuwenden, mit denen die Tolerierten die ihnen zugewiesenen Orte verlassen und ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen.

Mi, 27.9. / Mi, 4.10. / Mi, 11.10. / Mi, 18.10. / Mi, 25.10. jeweils 20 Uhr

Mit Beiträgen von:
Petra Bauer; Ascan Breuer, Ursula Hansbauer, Wolfgang Konrad, in Partnerschaft mit The Voice - Refugee Forum, Woman in Exile, Caravan for the Rights of Migrants and Refugees; Gustav Deutsch und Mostafa Tabbou; Susi Jirkuff; kanak tv; Lisl Ponger; Tom Schön; spacecampaign; Canan Yilmaz; u.a.

(Areal 1: in den »Fliegenden Bauten« von Köbberling & Kaltwasser, St.-Quirin-Platz, U-Bahn Station Ausgang Giesing)

Der Flyer als PDF (223 KB)

Beate Engl (München) I'm as mad as hell...

Beate Engl schlägt in ihrer Arbeit den thematischen Bogen von vermeintlichen Selbsttechniken der Meinungsäußerung hin zur Frage nach der Augenhöhe in den Gesellungsverhältnissen, die einer Öffentlichkeit zu Grunde liegen müssen. Ausgehend vom Phantasma der Relevanz einer Speaker's Corner kombiniert sie dieses Klischee von Öffentlichkeit mit Agit-Prop-Entwürfen der russischen Konstruktivisten und den vordergründigen Volkes Stimmen von Boulevardmedien, deren Hintergrund die Einschaltquote ist. Die begehbare Skulptur besteht aus einer Plattform in Bodennähe, die an die typischen Hilfskonstruktionen improvisierter Rednertribünen erinnert.

(Areal 2: Gotzinger Platz)

RELAX/chiarenza & hauser & co (Zürich) platzhalter

Selbsttechniken der Wiederaneignung des öffentlichen Raums untersucht RELAX und kommen in ihrer Analyse des Münchner Stadtraums zu dem Ergebnis, dass mediales Setting und Stadtmöblierung der Ökonomisierung und Gentrifizierung verpflichtet sind. Restflächen für öffentliche Botschaften sind auf ein Minimum, z.B. Regenwasserrinnen an den Hausfassaden, geschrumpft und für Leute, die Konzepten des Stadtmarketings nicht entsprechen, verschwunden. RELAX stellen in einer künstlerischen Setzung, Instrumente der offensiven Einschreibung in den öffentlichen Raum zur Verfügung.

(Areal 2: Roecklplatz, Ecke Thalkirchner Straße/Zenettistraße, Ecke Gotzinger Straße/Oberländerstraße)

Oliver Thuns und Alexander Klosch (Weimar/Leipzig) Graffiti + Wifi = Grawifi

Alexander Klosch und Oliver Thuns untersuchen am Beispiel der Grafitti im physischen Raum sowie von Freifunknetzen im elektronischen Raum, welche Verschiebungen im Verständnis von Informationsfreiheit einer Kriminalisierung und Restriktion von Selbsttechniken zu Grunde liegen, um daraus praktische Lösungen zu realisieren. Ihre Installation verbindet Konzepte der HipHop-Kultur mit ökonomisch bedingten, politisch verwalteten, technischen Toleranzen handelsüblicher drahtloser Internetverbindungen (W-LAN, Airport, WiFi etc.). Mit diesen Geräten kann jeder und jede virtuelle Taggs und Sentenzen im Stadtraum anbringen.

(Areal 2: Müllerstraße / Ecke Hans-Sachs-Straße (nur im Funkraum drahtloser Internetverbindungen wie WLAN, Airport sichtbar)

GSA / Konrad Becker (Wien) Global Security Alliance

widmet sich Konrad Becker den Sicherheitsdisplays, die die komplexen Risiken hoch technisierter Gesellschaften bedingen. In einer Welt, in der Wahrnehmung als Wirklichkeit dargestellt werden kann, will Becker die Wahrnehmung nicht dem Zufall überlassen. Im Rahmen eines Sicherheitsfests mit rollender Medienplattform wird Sicherheit sichtbar gemacht und werden kulturelle Motive der Sicherheitswelt aufgezeigt. Begleitet wird das Sicherheitsfest durch monochrom gehaltene Schattenrisse von Helikoptern. Diese Schatten markieren eine psychogeografische Landkarte aus der Satellitenperspektive, analog einer digitalen Kartografisierung statistischer Sicherheitsprognosen.

(Areal 2: Sicherheitsfest am 23. September 2006; Sendlinger-Tor-Platz und an Straßenkreuzungen, auf Wegen und Plätzen in beiden Arealen u.a. Goetheplatz, Schwanseeplatz)

GSA/konrad becker: www.global-security-alliance.com

   

Das Infoblatt als PDF 2 Seiten (1,46MB)
Die Kurzbiographien der Künstler als PDF (128KB)

 
 
 
(weitere Projekte in Vorbereitung)